"Der Geschmack des Ostens" von Jutta Voigt – Buchbesprechung

Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR

Jutta Voigt, geboren 1941, wuchs im Ostteil Berlins auf, studierte Philosophie und arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Wochenzeitschriften. In den Büchern "Westbesuch" und "Der Geschmack des Ostens" beschäftigte sie sich mit der Alltagskultur in der DDR.

Jutta Voigt, Autorin von "Der Geschmack des Ostens"Bildquelle: © Wikipedia
In "Der Geschmack des Ostens" erzählt sie von ihren Erinnerungen an die ostdeutsche Küche, die sie durch Recherche in Archiven und Gespräche mit ZeitzeugInnen untermauert. Es geht um typische Gerichte wie Grilletta (Hamburger), Goldbroiler (Brathähnchen), Kettwurst (Hot Dog) und Krusta (Pizza), sowie um den typischen Einzelhandel (HO-Läden, Delikatläden, Intershops), aber vor allem um das Lebensgefühl der Bürger und Bürgerinnen.
Unter dem Motto "Ein voller Bauch rebelliert nicht gern" war die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung eine zentrale politische Aufgabe. Die Preise wurden staatlich festgesetzt (Einzelhandelsverkaufspreise), es sollte alles in jedem Laden dasselbe kosten. So kostete zum Beispiel 1 Kilo Butter von 1958 bis 1990 immer 10 Mark. Die Butter hatte noch mehr Symbolgehalt als Fleisch. Es war politisches Ziel, den Pro-Kopf-Verbrauch Westdeutschlands an Butter zu überholen.
Lebensmittelmarken wurden 1958 abgeschafft, es gab aber weiterhin Rationierungen, um die Verteilung gerechter zu gestalten, durch Eintragung in Kundenkarten in den Geschäften. Butter erhielt man gegen Vorlage eines Personalausweises, Ausländer nur mit Aufenthaltsbewilligung. Ab 1974 durften DDR-Bürger auch in Intershops einkaufen, wo Waren aus dem Westen (Kaffee, Süßigkeiten usw.) ursprünglich nur gegen Devisen an Ausländer verkauft wurden.
Das Buch beschreibt sehr anschaulich den Alltag der Bevölkerung, der durch Mangel, aber zeitweise auch durch Überschuss (zum Beispiel Eierberg) gekennzeichnet war.
Die Frage "Haben Sie …?" stand am Beginn jedes Verkaufsgesprächs.

Alltagswitze in der DDR

Die folgenden Witze spiegeln den Alltag:
Haben Sie Kaffeesahne? – Nein, bei uns gibt es nur keinen Schnittkäse. Keine Kaffeesahne gibt es nebenan.

Warum ist die Banane krumm? Weil sie immer einen Bogen um die DDR macht.

Die DDR ist eine ausgesprochene Gebirgsrepublik – sie besteht nur aus Engpässen.

Was passiert, wenn man eine Banane auf die Mauer legt? Da, wo abgebissen wird, ist Osten.

Das einzige, was wir im Überfluß haben, ist der Mangel.

Die Banane als Symbol für Luxus:
"Alles Banane" – alles in Ordnung

Westpakete

Sehr begehrt waren die Westpakete, die von Verwandten und Bekannten aus dem Westen geschickt wurden. Die Autorin meint, das Auspacken eines solchen Pakets war fast ein erotisches Erlebnis, daher auch der Spruch: "Die reiß ich uff wie’n Westpaket". Die Süßigkeiten aus dem Westen waren bunter eingepackt, das Papier glänzte mehr. Ein typisches Weihnachtsgeschenk von Ost nach West war der Dresdner Stollen.

Aufbruchstimmung

Jutta Voigt war bis in die 70er Jahre eine Anhängerin des Sozialismus, sie erlebte eine Aufbruchstimmung im Streben für eine bessere Welt. Im Rückblick sagt sie, dass dieses Experiment in dieser Form nicht klappen konnte, aber die sozialistische Idee vielleicht einmal in anderer Form auferstehen wird, der Kapitalismus vielleicht nicht das letzte Wort haben wird.
Ein kurzes Interview mit ihr ist hier zu hören:

Verlag

Verlag: Aufbau Taschenbuch (2008)

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